Der Kreationsprozess
Kunst im Dialog mit Mensch und Raum
"Meine Kunst lädt ein, langsamer zu schauen."
Farben waren für Gabriele Glas nie Dekoration. Sie waren von Beginn an Ausdruck, eine Sprache jenseits von Text und Bewertung. Durch ihre Legasthenie entwickelte sich früh eine außergewöhnlich feine Sensibilität für Farbklänge, Spannungen und atmosphärische Dichte. Wo Sprache begrenzte, öffnete sich ein differenzierter Zugang über visuelle Wahrnehmung. Diese Fähigkeit wurde durch die intensive Auseinandersetzung mit Goethes Farbenlehre, dem urteilsfreien Malen nach Arno Stern sowie durch ihre Ausbildung in Aura-Soma und als Farbcoach vertieft und bewusst geschult.
Ein Werk beginnt lange vor dem ersten Pinselstrich. Über Wochen entstehen innere Impulse: Welche Farbspannung drängt in den Raum? Welche Energie will sichtbar werden, Ruhe, Weite, Verdichtung? Ist ein Experiment notwendig oder verlangt der Prozess nach bewusster Reduktion? Welche Dimension braucht das Bild, intime Nähe oder architektonische Präsenz?
Aus diesen Überlegungen heraus entwickeln sich häufig mehrere Arbeiten parallel. Unterschiedliche Formate, Bildräume oder Objekte entstehen gleichzeitig und treten miteinander in einen stillen Dialog. Diese gegenseitige Beeinflussung begleitet den gesamten Kreationsprozess, von den ersten gedanklichen Inspirationen über den Beginn der Arbeit bis hin zur Vollendung. Ideen wandern von einem Werk zum nächsten, verändern sich, verdichten sich und finden schließlich ihre eigene Form. Erst wenn diese innere Bewegung sichtbar geworden ist, gilt ein Werk als abgeschlossen. Gabriele Glas arbeitet bevorzugt mit Leimfarbe in ihrer Schichttechnik.
Der Prozess ist ein Dialog zwischen bewusster Entscheidung, Intuition und Widerstand. Kompositionen verschieben sich. Farben kippen. Spannungen entstehen. Sie werden nicht vermieden, sondern integriert. Aus dieser Auseinandersetzung entsteht jene ruhige, tragende Präsenz, die ihre Werke auszeichnet. In ihrer langjährigen Tätigkeit als Kursleiterin begleitet sie kreative Entwicklungsprozesse anderer Menschen. Themen wie Mut, Blockade, Wandlung und Aufbruch begegnen ihr dort immer wieder. Diese Erfahrungen wirken als Resonanzraum und fließen in ihre eigene Arbeit zurück. So entstehen keine dekorativen Bilder. Es entstehen Farbräume.
Werke, die Architektur nicht überlagern, sondern stärken. Die Atmosphäre bewusst verdichten oder öffnen. Die Klarheit unterstützen oder Spannung setzen. Gerade in unternehmerischen Kontexten entfalten solche Arbeiten eine besondere Qualität. Räume prägen Haltung. Farbe beeinflusst Wahrnehmung. Eine durchdachte künstlerische Präsenz kann Konzentration fördern, Identität stärken und eine subtile emotionale Balance im Arbeitsumfeld schaffen, ohne laut zu sein.
Die Arbeiten von Gabriele Glas verstehen sich daher nicht nur als Schmuck einer Wand, sondern als integraler Bestandteil eines Raumes.
Leimfarbe - Teil des Gegenraumes
Die Arbeit mit Leimfarbe ist für Gabriele Glas kein nostalgischer Rückgriff auf eine historische Technik. Leimfarbe zwingt zur Präsenz. Sie trocknet verzögert. Sie verzeiht keine Beliebigkeit. Jede Schicht bleibt spürbar. Nichts kann später einfach „überdeckt“ werden. Genau darin liegt ihre Kraft. Für Gabriele Glas ist das Material selbst Teil des Kreationsprozesses. Jede Farbebene wird aufgetragen, trocknet, wird überarbeitet oder teilweise wieder freigelegt. Frühere Schichten verschwinden nicht – sie bleiben als Tiefe erhalten. Das Bild entwickelt sich nicht linear, sondern in Verdichtung. Die matte, offene Oberfläche nimmt Licht nicht auf wie eine glänzende Acrylfarbe. Sie hält es zurück. Sie filtert. Sie lässt Raum entstehen. Für Gabriele Glas ist dieser Raum kein Hintergrund - er ist Gegenraum. Ein innerer Ort, der nicht laut wird, sondern trägt. Die Leimfarbe unterstützt diesen Prozess auf materieller Ebene: Pigment, Wasser, Öl, Leim – mehr nicht. Reduktion statt Effekt. Substanz statt Oberfläche. So wird das Material selbst zum Mitgestalter - nicht Werkzeug, sondern Widerpart. Und genau in diesem Spannungsfeld entstehen Ihre Werke.
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